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Erwachsen werden

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Irgendwann zwischen gestern und vor fünfzehn Jahren bin ich erwachsen geworden. Heute feiere ich meinen dreissigsten Geburtstag. Damals mit fünfzehn fühlte es sich so an, als gäbe es kein Entkommen. Mein Vater war krank und lag im Sterben, und ich wollte und konnte das alles nicht akzeptieren. Fühlte mich hilflos und ohnmächtig. Und doch habe ich es überlebt, lebe in einer Welt ohne ihn. Bin erwachsen geworden. Habe ohne ihn Autofahren gelernt, stehe in der Küche und spüle das Geschirr ab, während die Suppe auf dem Herd vor sich hin köchelt. Wechsle die Bettwäsche, bringe den Müll raus und die Post rein. Arbeite, kaufe Lebensmittel ein, bezahle die Rechnungen und prüfe meine E-Mails.

Wann bin ich nur so erwachsen geworden? Gerade erst habe ich noch gelernt, Fahrrad zu fahren und mir die Schuhe zuzubinden. Bin an einem sonnigen schulfreien Mittwochnachmittag im Schwimmbad die Rutschbahn runtergesaust und habe mich danach mit Süssigkeiten vollgestopft. Wann kamen all die Verpflichten hinzu? Es gab mal eine Zeit, da hat Mutter mich zum Essen gerufen, für mich einen Arzttermin vereinbart und mich hingefahren. Mir eine Wärmeflasche und Zwieback gebracht, wenn ich krank im Bett lag. Die Geister unter meinem Bett verscheucht und mir einen Gutenachtkuss gegeben.

Wann nur wurde ich so erwachsen? Früher zählte ich die Tage bis zu meinem Geburtstag, heute rast die Zeit nur so dahin. Gleitet mir wie ein glitschiger Fisch durch die Finger. Ich war nicht immer erwachsen, das kam Schritt für Schritt. Schlich sich schleichend an und wurde ein Teil von mir. Vieles durfte ich auf meinem bisherigen Weg lernen. Wenn es etwas gibt, was ich meinem früheren Ich mitgeben würde, dann wäre es folgendes:

Alles entsteht in deinem Kopf. Das Einzige, was du kontrollieren kannst, ist dich selbst bzw. deine Gedanken und Gefühle. Das Verhalten/die Gefühle und Ansichten anderer liegen nicht in deiner Hand, deine Reaktion darauf schon. Nicht alles braucht deine Reaktion. Lerne abzuwägen und dich zu fragen: ist das hier gerade eine Reaktion meines verletzten Egos?  Du kannst andere Menschen und ihr Verhalten nicht verändern, du kannst sie nur lieben oder nicht. Jeder Mensch trägt eine eigene Geschichte in sich und es ist wichtig, Menschen zu akzeptieren, wie sie sind. Das heisst nicht, dass du ihr Verhalten dir gegenüber tolerieren musst. Du entscheidest, wen oder was du in deinem Leben haben willst. Du hast viel mehr Wahlfreiheit, als dir bewusst ist.

Lerne, deine Gedanken, Gefühle und Emotionen zu regulieren (und dich nicht von ihnen kontrollieren zu lassen). Das und deine Gewohnheiten werden dein Leben bestimmen. Nimm nicht alles so persönlich. Lerne, zuzuhören und nicht zu reagieren. Höre niemals auf, zu lernen. Was du lernst ist wichtiger, als wie du dich vorübergehend fühlst. Gefühle gehen vorbei, das Wissen, das du erworben hast, nicht. Zeit heilt nicht alle Wunden, Weisheit schon.

Riskiere etwas, wage dich aus der Komfortzone und erlaube dir, dich zu verändern. Nur wer sich verändert überlebt. Leid gehört zum Leben. Ohne Leid keine Veränderung. Gefühle sind dazu da, gefühlt zu werden. Darum beschäftige dich mit dir selbst, mit dem Leben und den Menschen darin. Lebe aufrichtig und ehrlich und sage die Wahrheit. Sei ehrlich zu dir selbst. Lerne, aus deinem Herzen und nicht aus deinem Ego heraus zu kommunizieren, stärke deine Intuition und höre auf deine innere Stimme. Wenn das alles nach Hokuspokus klingt, dann versuche es vielleicht einfach mal damit: Jage nicht dem Glück hinterher, sondern versuche, ein guter Mensch zu sein.

Das Leben ist ein einziges Loslassen. Loslassen von Glaubenssätzen, Erinnerungen, lieben Menschen, Jobs, Beziehungen, Gegenständen, Wohnungen, Freunden, Modetrends. Alles kommt und geht, das ist das Leben. Das Einzige, was wir mit Gewissheit sagen können, ist, dass das Leben mit all seinen Erfahrungen, den guten und den schlechten, ein Geschenk ist. 

Alles Liebe
Mary