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Vor kurzem war ich in Paris und bin zufällig auf ein Buch über die Liebe gestossen, «was sonst» flüsterte mir die Stadt der Liebe ins Ohr. Bevor wir uns überhaupt erst verlieben, müssen wir auf Dates gehen. Diese erste Kennenlernphase ist besonders wichtig, weil sie uns je nach Wahl zukünftiges Leid ersparen oder zufügen kann. Worauf gilt es in dieser wichtigen Phase zu achten?
Intensität
Das erste Mal verliebt sein ist wie eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Alles fühlt sich unglaublich intensiv und neu an. Doch Intensität ist oft nur von kurzer Dauer, da wir nicht jeden Tag Achterbahn fahren können. Das wäre schlicht und einfach viel zu anstrengend. Intensität ist schön, aber auch trügerisch. Es ist gut möglich, intensive Gefühle für Menschen zu empfinden, mit denen wir nicht wirklich kompatibel sind. So jagen wir den Schmetterlingen im Bauch hinterher, die uns lebendig fühlen lassen, anstatt nach Beständigkeit, Engagement und Kompatibilität Ausschau zu halten. Intensität ist nicht gleichbedeutend mit Kompatibilität. Intensität ist nicht von langer Dauer, Kompatibilität schon.
Es lohnt sich zu fragen: Fehlt die Leidenschaft, oder gibt es in Wirklichkeit einfach keinen emotionalen Aufruhr?
Übrigens können gesunde Beziehungen durchaus auch intensiv sein. Sie sind einfach nicht schädlich intensiv, sondern vielmehr beruhigend und erdend. Die Intensität, die Menschen in gesunden Beziehungen empfinden, kommt oft von einem Ort immenser Erfüllung, weil sie jemanden gefunden haben, mit dem sie wirklich kompatibel sind und gemeinsam wachsen können.
Vertrautheit
Wer kennt es nicht: Wir lernen jemanden kennen und der Funke springt sofort über. Wir führen vertiefte Gespräche über Dinge, die uns tief berühren und interessieren. Eine sofortige Verbundenheit entsteht. Dabei vergessen wir schnell, dass wir unser Gegenüber gerade erst kennengelernt haben und noch gar nicht wirklich wissen, mit wem wir es zu tun haben. Es ist wichtig, sich die Zeit zu nehmen, jemanden wirklich kennenzulernen, denn die anfängliche Vertrautheit ist nicht immer ein positives Zeichen. Nur weil uns eine Person oder Situation vertraut vorkommt, heißt das noch lange nicht, dass diese Person gut für uns ist. Oft verwechseln wir Vertrautheit mit Richtigkeit.
Es ist wichtig anzuerkennen, dass das, wozu wir uns hingezogen fühlen, von unseren Erfahrungen geprägt ist. Wenn jemand beispielsweise ohne einen Elternteil aufwächst, wird sich diese Person vermutlich mit abwesenden und emotional nicht verfügbaren Partnern wohlfühlen, weil sie die Abwesenheit bereits kennt und denkt, dass das normal ist. Wenn jemand mit ständigem Streit und Chaos aufwächst, ist er an Tumult gewöhnt und hält das für «normal». Wenn die Abwesenheit oder das Chaos alles ist, was man kennt, können friedvolles Zusammensein und gute Intentionen Unbehagen hervorrufen. So verlieben wir uns manchmal in Menschen, nicht weil sie unbedingt gut für uns sind, sondern weil sie sich vertraut anfühlten. Und genau hier liegt die Gefahr. Es fühlt sich vertraut und sicher an, obwohl es das eigentlich nicht unbedingt ist. Was können wir also tun?
Es ist wichtig sich zu fragen, welche Verhaltensmuster wir unbewusst angenommen haben und was Vertrautheit für uns genau bedeutet. Verhaltensmuster können verlernt werden. Lande ich bei gewissen Leuten, weil sie sich vertraut anfühlen und mich unbewusst an meine Kindheit/frühere Erfahrungen erinnern? Oder weil sie hartnäckig sind und ich glaube, nicht mehr zu verdienen? Oder lande ich bei Leuten, weil sie die Eigenschaften besitzen, die ich mir in einem Partner wünsche und die mir guttun? Liebe ist letztlich nicht immer nur ein unkontrollierbares Gefühl, sondern zu einem gewissen Teil auch eine (un)bewusste Wahl.
Potential
Und dann passiert es doch: Wir lernen jemanden kennen und es passt einfach alles wie die Faust aufs Auge. Der Humor stimmt, die gemeinsamen Interessen, ja sogar die Wertvorstellungen. Nur möchte das Gegenüber im Moment keine feste Bindung eingehen oder hat immer nur jedes zweite Wochenende Zeit. «Das kommt schon noch» sagen wir uns, «wir müssen ihnen nur Zeit geben». Und so finden wir uns in einer Konstellation wieder, die uns Monate, wenn nicht sogar Jahre in der «Eines Tages»-Wette festhält.
Wir sagen uns, dass diese Person schon noch so wird, wie wir sie gerne hätten. Wir investieren immer mehr, weil wir auf ein bestimmtes Endergebnis hoffen. Und wenn sich die Person dann nicht in die gewünschte Richtung entwickelt, fühlen wir uns frustriert und verstehen nicht, wieso die Person nicht diejenige sein kann, die wir brauchen. Wir stecken immer mehr rein, doch die Dinge ändern sich nicht. In diesem Prozess verraten wir uns oft selbst, weil wir Dinge tun, um die uns niemand gebeten oder von uns verlangt hat. Krampfhaft versuchen wir, unsere Partner glücklich zu machen, obwohl das eigentlich gar nicht unsere Aufgabe ist. Dabei werden wir selbst unglücklich und beeinflussen die Beziehung negativ. Es ist wichtig zu erkennen, dass Selbstverrat einer Beziehung mehr schadet, als dass er ihr hilft. Alles, was wir tun können, ist unsere Partner so zu akzeptieren, wie sie sind. Sie in ihrem Glück zu unterstützen und nicht daran zu hindern.
Liebe ist (k)ein Kampf
Liebe bedeutet, für sein Gegenüber zu kämpfen, oder? Liebe kann durch Höhen und Tiefen gehen. Sich den Herausforderungen zu stellen sollte eine Teamleistung beider Partner sein, nicht eine einseitige Aufgabe des einen, weil es dem anderen an Respekt mangelt. Wenn nur eine Person sich den Schwierigkeiten, dem Kummer und Stress stellen muss, um ein «Happy End» zu bekommen, dann stimmt etwas nicht. Etwas muss nicht zuerst schwierig sein, um gut zu werden. Wer suggeriert, dass der Kampf vor der Liebe erlebt werden muss, entschuldigt schlicht und einfach Verhaltensweisen, denen es an Respekt und Anstrengung mangelt. Darum: gemeinsamer Kampf ja, Einzelkampf nein.

Liebe ist einfach. Intensität, falsche Vertrautheit und Erwartungen aufgrund von Potential können die Liebe allerdings erschweren. Ein Funke und die Chemie zwischen zwei Menschen sind wichtig, um den Wagen zum Starten zu bringen. Das Benzin, welches das Auto am Laufen hält, ist aber letztlich ein Mix aus Kompatibilität, Kommunikation, gegenseitigem Engagement und Respekt.
Je t’embrasse, Marina
Mehr zu diesem Thema findet sich in den Büchern von Toni Tone, Alain de Botton und Thomas Meyer.