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Vipassana

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Vor ungefähr einem Jahr bin ich zufällig über das Wort «Vipassana» gestolpert. Dabei handelt es sich um einen 10-tägigen Meditations-Kurs, bei dem man jeden Morgen um 04:00 Uhr aufsteht, 10 Stunden meditiert und dann um 21:00 Uhr ins Bett geht. Während dieser Zeit wird geschwiegen. Jegliche Interaktion zwischen den Kursteilnehmern ist untersagt. Männer und Frauen sind getrennt voneinander untergebracht. Handy, Stift, Papier, Kopfhörer und alle weiteren Ablenkungen müssen abgegeben werden.

Irgendwie hatte mich das alles neugierig gemacht, also schrieb ich mich vor zwei Monaten für einen Kurs im Vipassana Zentrum in der Schweiz ein. Was ich mir davon genau erhoffte, wusste ich nicht, ich wusste nur, ich wollte mich dieser Herausforderung stellen.

Tag 1 – Ein Jahr

Ich kam auf einem verschneiten Mont-Soleil an. Meinen Koffer musste ich durch den Schnee ziehen und dachte, damit das Schlimmste hinter mir zu haben. Doch als die edle Stille einsetzte und die Meditation begann, merkte ich, wie schwierig es tatsächlich war, sich Stunde um Stunde ohne jegliche Ablenkung nur mit seinem Geist zu befassen. Immer wieder blickte ich auf die Uhr auf meinem Handgelenk, nur um dann festzustellen, dass gerade einmal 3 Minuten vergangen waren. Der erste Tag fühlte sich an wie ein ganzes Jahr. Ich wollte mindestens 20-mal meinen Koffer packen und verschwinden, doch ich blieb sitzen.

Tag 2 – Ohrwurm

Als mich der Gong nach einer schlechten Nacht um 04:00 Uhr weckte, wollte ich alles, ausser aufstehen. Doch ich schleppte mich in die Meditationshalle und plumpste auf meinen Platz. Der Tag fühlte sich an wie ein ganzer Monat. Kurz vor der Mittagszeit erreichte mich (meinem Neffen sei Dank) ein Ohrwurm, der mich für Stunden nicht mehr loslassen würde – Baby shark. Sobald das Lied erlosch, dachte ich wieder an das Aufgeben. Doch dann fiel mir ein Zitat von Nelson Mandela, einem Mann, der 27 Jahre im Gefängnis war, wieder ein:

«I am the master of my fate: I am the captain of my soul». – Nelson Mandela

Tag 3 – Schmerz

Heute war ich zwar ausgeschlafen, doch die Schmerzen in den Knien, der Hüfte und dem Rücken waren unerträglich. Ständig musste ich meine Sitzposition verändern, um durchzuhalten. Wieder fiel mir eine Aussage ein. Dieses Mal aus einem Video von Eric Thomas, das ich vor Jahren einmal sah:

«Pain is temporary. It may last for a minute, or an hour or a day. Or even a year. But eventually, it will subside, and something else will take it’s place. If I quit however, it will last forever.» – Eric Thomas

Tag 4 – Frau über Bord

An diesem Nachmittag wurden wir in die Vipassana Technik eingeführt, was ein dreistündiges Sitzen mit sich brachte. Doch schon eine Stunde nach dem Mittagessen merkte ich, dass etwas mit meinem Magen nicht stimmte. Ich hatte solche Magenkrämpfe, dass ich kaum mehr aufrecht stehen konnte. Es musste vom Salat kommen, denn ein Stück sah nicht mehr so gut aus, doch ich ass es trotzdem und zahlte jetzt die Rechnung dafür. Zum Glück hatte ich Tabletten dabei, jedoch nur 3 Stück. Zwei waren innert kürzester Zeit weg, doch ich sass immer noch eingefallen auf meinem Meditationskissen und bog mich vor Schmerz. In der Pause ging ich zu der Managerin und informierte sie über meine Lebensmittelvergiftung. Sie fragte, ob ich es bis 21:00 Uhr für die Pflichtlektionen aushalte würde. Ich sagte, ich wisse es nicht, wenn sie aber wolle, dass ich morgen wieder komme, müsse sie mir einen Nachschub an Medikamenten besorgen. Sie willigte ein.

Tag 5 – Warten

Eine Helferin des Zentrums ging am Morgen mit der Seilbahn ins Dorf, um mir in der Apotheke das Medikament zu besorgen. Ich sagte ihr, die Apotheke würde es schon haben, doch dem war nicht so. Sie mussten es bestellen und die Helferin wartete den ganzen Nachmittag darauf. Ich bekam die Medizin dann am Abend und zitterte vor Freude, als ich eine Tablette einnahm und kurz darauf total erschöpft einschlief.

Tag 6 – Telepathie?

Bevor ich mich für Vipassana anmeldete, durchforstete ich die Suchmaschine ausgiebig nach Erfahrungsberichten. In einem las ich, dass eine Frau am siebten Tag die Empfindungen in ihrem Körper so stark spürte, dass sie einen Holzsplitter im Fuss entdeckte, den sie schon seit Monaten mit sich herumtrug. Ich war gespannt, was bei mir herauskommen würde. Und dann, in Gedanken verloren, passierte es. Als ich den Vorhang von meinem Bett auf die Seite zog, streifte ich dabei mit der linken Hand den Holzrahmen des Bettgestells. Sofort spürte ich, wie sich ein Holzsplitter in meiner linken Hand festsetzte. Wenn das keine Telepathie war…

Vergeblich versuchte ich, ihn herauszubekommen. In der Meditation pulsierte die Hand so stark, dass ich in der Pause wieder die Managerin aufsuchen und um eine Pinzette bitten musste. Sie hatte keine, brachte mir aber eine Nähnadel. Als ich den Holzsplitter immer noch nicht herausbekam, meinte sie, dass sie mir leider nicht helfen könne. Ich wollte nicht einmal wissen wieso und dachte einfach: nur ich selbst kann mir helfen.

Tag 7 – Gut

Endlich ein guter Tag. Der Holzsplitter kam gestern doch noch raus und die Magenschmerzen waren mittlerweile so gut wie verschwunden. Das Meditieren lief auch gut und die Schmerzen beim Sitzen waren fast abgeklungen. Langsam fand ich Gefallen an dieser ganzen Sache und dachte daran, wem so ein Kurs auch guttun würde. Sofort fielen mir drei Personen ein, die (innerlich) in ihrem Leben litten und von so einem Kurs profitieren könnten.

Tag 8 – Geschenk

Während sich in meiner Magengegend in den letzten Tagen immer wieder ein Feuerwerk aus Schmerz, Stechen, Hitze und Druck ausbreitete, spürte ich heute in der Meditation das erste Mal ein wohliges Kribbeln. Ich war ausser mir vor Freude und dachte nur:

Alles, was jetzt noch kommt, ist ein Geschenk.

Tag 9 – Atmen

Heute kamen wieder leichte Zweifel auf. Was tat ich hier eigentlich fragte ich mich, als ich plötzlich die Atmung der Frau neben mir bemerkte. Sie war ruckartig wie eine kaputt gegangene Kassette. Obwohl ich die Augen geschlossen hielt, wusste ich, dass die Frau neben mir weinte. Ich wollte sie in den Arm nehmen und trösten, doch das war nicht erlaubt. Sie konnte sich sowieso nur selbst helfen dachte ich, also begann ich, tiefere Atemzüge zu nehmen. Nach ein paar Minuten schloss sie sich meiner Atmung an und wir atmeten uns durch den Schmerz hindurch, immer wieder ein und aus.

Tag 10 – Schwanger

Heute war es endlich so weit, wir waren am letzten Tag angekommen. Endlich! Nach ein paar Stunden der Meditation durften wir um 10:00 Uhr die edle Stille auflösen. Alle liefen in den Speisesaal, um sich auszutauschen, doch ich war mir unsicher, ob ich das überhaupt wollte. Nach so vielen Tagen wieder zu reden, fühlte sich komisch an. Ich wollte die Erfahrung aber auch nicht missen, weshalb ich den anderen schliesslich folgte. Im Speisesaal begannen alle wild draufloszureden. Eine Frau erzählte mir, dass sie am zweiten Tag eigentlich ihre Periode hätte bekommen sollen, doch diese blieb aus. Das hatte sie vorher noch nie gehabt, weshalb sie sich tagtäglich fragte, ob sie wohl schwanger sei. Eine andere berichtete von ihrer Erfahrung und ich merkte rasch, dass jede mit ihrem eigenen Leid zu kämpfen hatte, nur dass wir das alles nicht mitbekamen. Wie auch, wo es uns nicht erlaubt war, miteinander zu reden. Ich fragte mich, wie oft ich sonst noch durch mein Leben ging und neben mir einen Menschen hatte, der gerade eine schwierige Zeit durchmachte, ohne dass ich etwas davon bemerkte.

Fazit

Dieser Kurs war definitiv eine Herausforderung für mich. Er war hart, intensiv und lehrreich. Vipassana hat mich gelehrt, dass alles vergänglich ist. Der Schmerz, die Liebe, das Leben. Alles ist ein Prozess. Der Frühling, der Sommer, der Herbst, der Winter, das Leben, alles ist ein Kreislauf des Kommens und Gehens. Wichtig ist, Gleichmut zu bewahren und die Emotionen und Empfindungen erst einmal zu beobachten, anstatt sofort zu reagieren. Am Ende kommt vielleicht nicht immer alles gut, aber es kommt so, wie es kommen soll. Oder in Worten aus dem Vipassana Kurs:

Start again. Start again. Start again.
Work intelligently, intelligently, patiently.
Take rest.

Start again …